:: Die Entwicklung des Springsports im SVG
Nicht zufällig steht der Schwimmverein Gelnhausen mit an der Spitze des Spring-sports im Hessischen Schwimmverband und hat in seinen Reihen drei Springer, die Deutsche Meisterschaften bzw. Bestenplätze in diesem Sportzweig erringen konnten. Betrachten wir in einem Rückblick die Entwicklung des Springens im SVG.
Zur Gründungszeit des Vereins 1924 besteht die Sprunganlage aus zwei kaum federnden Bohlen, etwa 35 cm breit, die als 1- und 3m-Brett auf dem auf Fässern schwimmenden Schwimmdock in der Kinzig befestigt sind. Jeder kann sich ausmalen, wie diese Bretter wackeln, wenn Kinder, wie meist üblich, auf dem Schwimmdock herumrennen. Und von solchen Bohlen werden schon damals Saltos gedreht, Auerbachsprünge gemacht und sogar Springwettbewerbe ausgetragen.
Ferdinand Schmitt, der sich schon von frühester Jugend an für das Wasserspringen interessiert, ist nicht nur Mitglied des SVG, sondern während seiner Studienzeit auch des 1. Frankfurter Schwimmclubs. In Frankfurt trainiert er bei dem ehemaligen Weltmeister Fritz Nicolai sowie dem Altmeister Ludwig Hemmer zusammen mit der Frankfurter Springergarde, zu der auch der leider so früh verstorbene Europameister und Olympiazweite von Berlin, Hermann Stork, gehört. Sein größter Erfolg ist die Gaumeisterschaft im Gau 1 Kreis V des Deutschen Schwimmverbandes, der sich bis nach Heidelberg/Mannheim erstreckt.
Trainiert wird im Frankfurter Stadion, zur damaligen Zeit um 1930 auf sehr harten, verstellbaren Stahlbrettern, im Winter in dem alten, längst abgebrochenen Stadtbad mit einer Wassertiefe von 2,80m unter dem 3m-Brett.
Sein springerisches Können vermittelt Ferdinand Schmitt an die Jugend des SVG, der 1927 in seinem Vereinsbad im Westen der Stadt eine für die damaligen Verhältnisse recht akzeptable 3m- Sprunganlage, bestehend aus einer verstellbaren, gutfedernden Bohle mit einigermaßen griffiger Sackleinwandauflage, ein ähnliches lm-Brett sowie eine einfache Trockensprunganlage mit Sandgrube als Landeplatz besitzt. Daß die Sprunghöhe durch den wechselnden Wasserstand der Kinzig oft stark variiert, wird von jedem Springer als kleines Übel in Kauf genommen.
Schon damals und später nach Kriegsende gehen neben Ferdinand Schmitt in der Herrenklasse Jungens und Mädchen des SVG bei Springwettkämpfen der benachbarten Vereine in Bad Orb, Büdingen, Steinau, Schlüchtern, Fulda, Hanau, Aschaffenburg u. a. meist siegreich auf die Bretter.
Bei den alljährlich in Gelnhausen stattfindenden Schwimmfesten werden immer Sprungwettbewerbe ausgetragen. Als besondere Attraktion gibt bei solchem Anlaß Europameister H. Stork Proben seines Könnens oder Exweltmeister Nicolai zeigt trotz seines Alters er ist damals schon über 50 Jahre beachtliche Leistungen beim Schauspringen, wobei zu berücksichtigen ist, daß ein zweieinhalbfacher Salto von einer der damals üblichen Sprunganlagen mindestens so schwierig zu springen ist wie heute ein dreieinhalbfacher Salto von einem Duraflexbrett und auch den gleichen Beifall der Zuschauer wie heute findet.
Bei der Erneuerung des städtischen Flußbades einige Jahre vor Kriegsausbruch erhält Gelnhausen erstmals leidlich sportgerechte Bretter. Es sind „Brandsten-Bretter”, die” aus schmalen Riemen aus Pitchpineholz zusammengeleimt und mit einer Kokosmatte bespannt sind. Neben der kalten Wassertemperatur, die auch im Hochsommer nur selten über 20 Grad steigt, und der mit dem wechselnden Flußwasserstand sich oft ändernden Sprunghöhe ist der größte Mißstand die in Ufernähe viel zu geringe Wassertiefe, die unter der Spitze des 3m-Brettes bei Niedrigwasser kaum mehr als 2,40m beträgt. Delphinsprünge, d.h. Sprünge gegen das Brett, enden nicht selten im Schlamm. Zur Behebung dieses Übelstandes wird dann und wann auf Bitte des SVG vor Schwimmfesten von der heimischen Feuerwehr mit starkem Wasserdruck eine Sprunggrube aus dem Kinzigschlamm ausgespült, die sich natürlich nach kürzester Zeit wieder mit Schlamm füllt. Trotz dieser Mängel führt der SVG mit Unterstützung des Hessischen Schwimmverbandes bereits im Jahre 1952 hier einen Landes-Springertag durch, an dem alle Hessischen Spitzenspringer teilnehmen und zu dem sich über 1000 Zuschauer einfinden.
Diese mangelhafte Sprunganlage ist auch die Trainingsstätte von Rainer Zweifel, dem ersten, über die Landesgrenzen hinaus erfolgreichen Springer des SVG. Der talentierte Junge (Jahrgang 1945) beginnt als 8jähriger 1953 mit dem Springtraining, kann bereits 1954 in der Schülerklasse seine ersten Erfolge erringen und wird schon 1957 als l2jähriger erstmals Hessischer Jugendmeister in der Altersklasse bis 18 Jahre. Nach zahlreichen Meisterschaften in der Bezirksklasse und Hessischen Bestentiteln der Vereine ohne Winterbad (VoW) erringt er 1965 erstmals gegen den Deutschen Vizemeister Rolf Kantuser den Titel eines Hessischen Landesmeisters; 1967 wird er zum ersten Mal Deutscher VoW-Bester. Beide Titel hat Zweifel jahrelang erfolgreich verteidigt, bis ihm aus seinem eigenen Verein in Dieter Dörr sein Bezwinger und Nachfolger erwächst. In all den Jahren wird unter der Leitung Ferdinand Schmitts in den kurzen und oft recht kühlen Sommerwochen fast täglich im Kinzigbad, in der 8-monatigen Wintersaison einmal wöchentlich im Hallenbad Hanau trainiert. Ein Turmspringtraining kann nur im Sommer und nur sporadisch vor Turmspringwettbewerben in Offenbach oder Frankfurt durchgeführt werden, da Gelnhausen auch im neuen Freibad leider keinen Sprungturm besitzt. Daß Zweifel auch in diesem Wettbewerb wiederholt Hessischer Meister wird, beweist sein vielseitiges Können und sein großes Talent.
Bei einer der winterlichen Trainingsstunden in der Hanauer Halle taucht eines Tages ein l0jähriger Junge aus Kilianstädten auf, der sich für das Wasserspringen interessiert, dem SVG beitritt und eifrig mittrainiert. Fleiß und Begabung führen dazu, daß Udo Wieschnowsky (Jahrgang 1959) schon bald zu den Besten seiner Altersklasse in Hessen zählt, bereits 1970 erstmals Hessischer Schülermeister und 1971 zweifacher Süddeutscher Vizemeister der Schülerklasse wird. Sein bisher größter Erfolg ist der Deutsche Meistertitel seiner Altersklasse im Turmspringen von der 5m-Plattform in Sindelfingen 1973. Bedauerlich ist, daß der Junge durch seinen abseitsliegenden Wohnort Kilianstädten nur unregelmäßig unter erschwerten Umständen am Sprungtraining teilnehmen kann, was sich natürlich hemmend auf seine Leistungssteigerung auswirkt.
:: Die Ära Dieter Dörr beginnt
Sicherlich das größte Talent, das der SVG bisher herausgebracht hat, ist Dieter Dörr (Jahrgang 1957). Erst sehr spät durch Zuzug im Herbst 1970 nach Gelnhausen und zur Springerei gekommen, ist es für ihn als Dreizehnjährigem sehr schwer, Anschluß an den schon recht hohen Leistungsstand seiner Alterskameraden zu bekommen. Durch sein außerordentliches Talent und seinen großen Trainingsfleiß gelingt es ihm, dieses große Handikap nach und nach aufzuholen. Seinen Aufstieg zeigen seine herausragendsten Erfolge: 1971 Hessischer Schülermeister, 1972 Bezirksmeister, Hessischer Jugendmeister und Süddeutscher Jugendmeister, 1973 dritter Platz der Deutschen Jugendmeisterschaffen, in diesem Jahr 1974 zweifacher Hessischer Meister der Herrenklasse, zweiter Platz der Süddeutschen Meisterschaften Herren und als bisher größte Erfolge der Titel eines Deutschen Juniorenmeisters sowie der 3. Platz bei den Deutschen Meisterschaften der Herrenklasse.
Inzwischen wird der erst l6jährige Dieter Dörr in den Nachwuchskader des Deutschen Schwimmverbandes aufgenommen, gehört zum festen Stamm der Hessischen und Süddeutschen Mannschaft bei allen Länderkämpfen und wird vom Deutschen Schwimmverband schon wiederholt zu internationalen Wettkämpfen gemeldet. So ist er im März dieses Jahres vom DSV in Rennes (Frankreich) im l0-Länderkampf eingesetzt, wo er unter anderem gegen die derzeit besten Springer der Herrenklasse, die Weltmeister und Olympiasieger von München, Cagnotto und Dibiasi, antritt und einen guten Eindruck hinterläßt. Das Amtsblatt des DSV schreibt, daß ihm die Trainer der drei teilnehmenden Weltmeister eine große springerische Laufbahn voraussagen.
Die Trainingsvoraussetzungen in Gelnhausen sind nunmehr abgesehen vom Fehlen eines 10m-Sprungturmes ideal. Sowohl im geheizten Freibad als auch in der Schwimmhalle liegen die besten der zur Zeit existierenden Bretter auf. Die Verwaltung und das Personal in beiden Schwimmstätten zeigen weitgehendstes Entgegenkommen, so daß jederzeit ein ungestörtes Springtraining möglich ist, zumal die neuzeitliche Schwimmhalle ein gesondertes Springbecken aufweist. Modernste Hilfsmittel darunter ein Video-Rekorder unterstützen die Trainingsarbeit, so daß von der technischen Seite her alle Voraussetzungen für den weiteren Leistungsanstieg gegeben sind.
Auch für den Nachwuchs finden im Sommer und Winter regelmäßig Springtrainingsstunden statt. Es ist zu wünschen, daß sich daran zahlreiche springbegeisterte Jungen und Mädchen ab acht Jahren beteiligen und sich daraus wieder ein Talent entwickelt, das die springerische Tradition des SVG fortsetzt.
Im gleichen Jahr (1974) erkämpft sich Dieter Dörr mit Sprüngen höchster Schwierigkeitsgrade den Deutschen Juniorenmeistertitel in Rheydt, was den „bisher größten Erfolg, den ein Aktiver des SVG erringen konnte”, darstellt, wie die Zeitung berichtet.
Währenddessen macht Udo Wieschnowsky durch seinen fünften Platz vom Turm bei den Deutschen Jugendmeisterschaften auf sich aufmerksam. Dieser Triumph ist, zusammen mit dem zweiten Platz Dieter Dörrs, ebenfalls vom Turm, eine kleine Sensation, denn die Gelnhäuser Springer können nur unregelmäßig und lediglich im Sommer die Turmsprunganlage in Offenbach nutzen.
:: Die Überflieger
Schon kurz darauf stellen sich die heimischen Zeitungen die Frage, ob der Gelnhäuser Dieter Dörr nicht schon bald ganz oben auf den Treppchen stehen wird. Anlaß dazu ist sein dritter Platz bei den Deutschen Meisterschaften in Köln.
Udo Wieschnowsky belegt alle drei Medaillenränge auf den Süddeutschen Jugendmeisterschaften, während Dieter Dörr hier erstmals mit 488,2 Punkten die Europameisterschafts-Norm von 475 Punkten überbietet. Doch nach Übereinkunft mit seinem Trainer Ferdinand Schmitt kommt es trotz der Qualifikation noch nicht zu einer Meldung, da sein Schützling zunächst mehr Sicherheit und Erfahrung im Umgang mit internationaler Konkurrenz sammeln soll.
Mit Dieter Dörr, Rainer Zweifel und Udo Wieschnowsky schafft es der Schwimmverein Gelnhausen in der Bilanz der Hessenmeisterschaften in Offenbach, mit drei Mal Gold (Dieter Dörr), zwei Mal Silber (Rainer Zweifel) und zwei Mal Bronze (Udo Wieschnowsky) den ersten Platz der Mannschaftswertung zu belegen. Seine drei Erstplazierungen erspringt sich Dieter Dörr mit Sprüngen, die in Deutschland nur von ganz wenigen Spitzenspringern beherrscht werden. So gehören zum Beispiel der eineinhalbfache Salto vorwärts mit dreifacher Schraube oder der eineinhalbfache Salto rückwärts mit zweieinhalbfacher Schraube zu seinem Repertoire.
Rainer Zweifel, bisheriger Inhaber des Wanderpokals „Bester Hessischer Springer”, tritt diesen trotz seines zweifachen Deutschen Seniorenmeistertitels an seinen Vereinskameraden Dieter Dörr ab. Stets den Blick auf die Zukunft gerichtet ist dieser neben seiner eigenen Karriere, bei der er gerade erst die anfänglichen Stufen erklommen hat, schon jetzt auf Talentsuche und steht dem Nachwuchs anspornend beim Springunterricht zur Seite.
Aus dem Kürpokal-Springen 1975 in Köln geht Dieter Dörr als bester deutscher Kunstspringer hervor, was die Austragung der Süddeutschen Meisterschaften in Gelnhausen, bei denen auch Udo Wieschnowsky teilnimmt, für die Zuschauer besonders attraktiv macht.
Sein enormer Leistungswille und täglich zwei Stunden Training beflügeln Dieter Dörr aber noch zu höheren Erfolgen. Bei den Deutschen Meisterschaften in Frankfurt am Main erfüllt er 1976 die Olympia-norm und gehört somit den Auserwählten des Olympiakaders an. Um seine Erfolgsaussichten auf die Nominierung zu verbessern, wird er von allen Seiten unterstützt. In Frankfurt wird eigens die Hälfte des Beckens unter dem einzigen 10m-Turm in Hessens Hallenbädern für sein Sprungtraining gesperrt.
Beim Vier-Nationenspringen in Mantua, Italien, siegt das Gelnhäuser Talent gegen harte Konkurrenz mit einem dreieinhalbfachen Salto, den in der BRD zu dieser Zeit nur vier weitere Springer beherrschen.
Im Aufwind Dieter Dörrs und anderer Springer gelingt es Hessen, sich einen Namen als Springerhochburg aufzubauen. Gemeinsam mit Springerinnen aus Offenbach gehen erstmals alle Titel der Süddeutschen Meisterschaften nach Hessen.
:: Mentale Stärke und springerische Perfektion führen 1976 zur Olympiateilnahme Dieter Dörrs
Ein Schlaglicht auf seine Einstellung wirft die folgende Begebenheit: Nachdem er Donnerstag und Freitag den ersten Teil seines Abiturs hinter sich gebracht hat, springt Dieter Dörr am Wochenende bei der ersten Vorentscheidung zur Olympiateilnahme in Köln, gewinnt diesen Wettbewerb vom 10m-Turm und belegt den dritten Platz vom 3m-Brett. Heimgekehrt beendet er ebenso erfolgreich sein Abitur, als hätte ihn nichts davon ablenken können.
Zum zweiten Qualifikationsspringen organisiert der Schwimmverein Gelnhausen eine Bussonderfahrt, damit die Vereinskameraden ihren heimischen Wasserspringer lauthals unterstützen können. Erneut siegt Dieter Dörr vom Turm, was um so erstaunlicher ist, da er nur einmal pro Woche aus dieser Höhe trainiert. Seine Kür weist mittlerweile international höchste Schwierigkeitsgrade auf. So beherrscht er den zweieinhalbfachen Salto rückwärts gehechtet, den eineinhalbfachen Auerbachsalto mit zweieinhalbfacher Schraube oder einen eineinhalbfachen Salto vorwärts mit dreifacher Schraube.
Trotz all des Könnens schwebt die Olympiafahrkarte zwischen Dörr und seinem Konkurrenten Korsten, doch noch keiner weiß zu diesem Zeitpunkt, wer von beiden sie einlösen wird. Mit weniger als einem Punkt Vorsprung greift der Gelnhäuser in Graz, Österreich, zu und sichert sich somit die hart umkämpfte Teilnahme an den Olympischen Spielen 1976 in Montreal.
Das ist einmalig in der Vereinsgeschichte des SVG. Der Traditionsverein der Barbarossastadt stellt einen Olympiateilnehmer. Zusammen mit seinem „Landsmann”, dem 400m-Hürdenläufer Harald Schmid, vertritt Dieter Dörr Gelnhausen in der kanadischen Olympiastadt. Begeistert von vielen Fans empfangen, kehrt Dieter Dörr erfolgreich mit einem 15. Platz vom 3m-Brett und dem 18. Platz vom Turm nach Gelnhausen zurück. Zu Gast in Bonn gratuliert Bundeskanzler Schmidt persönlich den Olympioniken zu ihrer Leistung.
:: Hessen wird zur Springerhochburg
Mittlerweile hat der Schwimmverein Gelnhausen noch ein weiteres Springereisen im Feuer. Der Aufstieg Andreas Noacks durch kontinuierliches und intensives Training steht zwar im Schatten des olympischen Fiebers, doch durch sein außergewöhnliches Talent sorgt er dennoch für Gesprächsstoff unter den national angesehensten Trainern.
Um dem Niveau und den Leistungen der „größten Hoffnung des DSV” auch auf dem Papier gerecht zu werden, erarbeitet sich der Gelnhäuser Trainer Ferdinand Schmitt 1977 die Trainer-A-Lizenz, die neben ihm nur drei andere in der BRD ihr eigen nennen können. Im Anschluß daran begleitet er die bundesdeutschen Springer als Trainer zu einem offiziellen Wettbewerb nach Gran Canaria.
Gleich zwei Mal erhält Dieter Dörr auf den Deutschen Meisterschaften 1978 in Berlin die Traumnote von 10 Punkten als Wertung für seine Sprünge. Als erstem Springer gelingt es ihm, alle vier Deutschen Meistertitel auf sich zu vereinen und eine Rekordpunktzahl von 618,8 Punkten zu erreichen. Andreas Noack glänzt mit einem dritten Platz vom 1m-Brett auf den Deutschen Jugendmeisterschaften.
Im gleichen Jahr beschert Dieter Dörr der BRD durch den sechsten Platz im WM-Finale den bisher größten Erfolg im Kunstspringen. Im Sog dieses Erfolgs läuft Hessen langsam aber sicher Westdeutschland den Rang als Springerhochburg ab. In der Zeit seines Wehrdienstes 1979 nutzt der Gelnhäuser die Gelegenheit, sich gleich zwei Mal den Titel des Militärweltmeisters zu erkämpfen. Während die Zeitungen Dieter Dörr seine Nervenkraft als großes Plus zuschreiben, sieht sein Trainer diese eher als einziges Risiko auf dem Weg zur zweiten Olympiateilnahme. Doch stellt sich dem Springer des Schwimmverein Gelnhausen ein ganz anderes, politisches Hindernis in den Weg: Der Boykott der Olympischen Spiele 1980 in Moskau.
Nachdem er sich in der Offenen Klasse den Titel des Internationalen Bodenseemeisters ersprungen hat, den sich seine Vereinskollegin Silke Kretschmar in der Nachwuchsklasse erkämpfen kann, gibt es für Dieter Dörr und seinen Trainer ein freudiges Jubiläum zu feiern. Anläßlich der zehnjährigen Zusammenarbeit überreicht ihm Dieter Dörr eine Urkunde:
„Herrn Ferdinand Schmitt, 1970 - 1980, Meinem verehrten Betreuer und Förderer für zehn Jahre intensives Training in Dankbarkeit zugeeignet. Dieter Dörr”.
:: Auch der Nachwuchs strebt nach oben
Das Jahr 1981 bringt nicht nur für den bekanntesten SVG-Springer Erfolge mit sich. Während Dieter Dörr eifrig weitere Deutsche Meistertitel sammelt, wird Silke Kretschmar in den D-Kader aufgenommen und springt somit bereits mit zwölf Jahren in der Offenen Klasse.
Bei dem Europacup in London überrascht die Wettkampfmannschaft der Schwimmer, die sich zufällig zur gleichen Zeit dort aufhält, ihren Vereinskollegen mit lautstarker Unterstützung. Manchmal ist die Welt doch ein Dorf.
Dieter Dörrs Teilnahme an der Universade in Bukarest und an den Europameisterschaften bescheren ihm und dem Schwimmverein weitere ansehnliche Plazierungen unter den besten Zehn. Ferdinand Schmitt wird anläßlich dieser beachtenswerten Erfolge seines Schützlings durch die Verleihung der goldenen Verdienstmedaille des Deutschen Schwimmverbands geehrt. Zeitweise agiert Dieter Dörr auf dieser Verbandsebene als Aktivensprecher.
Immer mehr macht auch der Nachwuchs der Gelnhäuser Springer von sich reden. Silke Kretschmar erspringt sich bei den Deutschen Jugendmeisterschaften 1982 auf Anhieb den neunten Platz und ergreift sich zielstrebig den Titel der Süddeutschen Jugendmeisterin vom 1m-Brett.
Mit seinem 33. Deutschen Meistertitel sichert sich Dieter Dörr 1983 erneut die Fahrkarte zu den Europameisterschaften in Rom. Dort belegt er mit dem neunten Rang vom 3m-Brett die beste Plazierung der Deutschen Springermannschaft.
Auch nach seiner Hochzeit trainiert er täglich zwei Stunden. Zu seinem Glück ist sein bereits pensionierter Trainer Ferdinand Schmitt flexibel und kann sich den Zeitvorgaben seines Schülers anpassen.
Höhepunkt: Die Olympischen Spiele in Los Angeles 1984
Es scheint, als sei es eine Belohnung für all die Mühen und Opfer, die ein solches Training erfordert, daß es Dieter Dörr auf den Deutschen Meisterschaften 1984 erneut gelingt, für das Qualifikationsspringen zu den Olympischen Spielen in Los Angeles nominiert zu werden. Um das bestmögliche Training zu gewährleisten, spendet die Stadt Gelnhausen zwei neue Sprungbretter und um das sportliche Wohlergehen Dieter Dörrs bemühen sich gleich drei Trainer. Sein Heimattrainer Ferdinand Schmitt ist in Gelnhausen für ihn da, Landestrainer Rudi Altmann kümmert sich um das Turmspringen in Frankfurt, und im Leistungszentrum in Karlsruhe steht ihm der Bundes-trainer Horst Görlitz zur Seite.
Kurz nachdem Dieter Dörr das Glück beschert wird, mit dem 36. Deutschen Meistertitel Rekordmeister des DSV zu werden, passiert Silke Kretschmar beim Länderkampf in Wiesbaden ein Unglück: Nach ihren errungenen Siegen vom 1- und 3m-Brett kommt sie bei eine Auerbachsalto mit dem Kopf auf das Brett und erleidet eine Gehirnerschütterung. Obwohl sie durch diesen Zwischenfall von der anvisierten Jugendmeisterschaft Abschied nehmen muß, gelingt es ihr schon einen Monat später, den dritten Platz beim Hessenpokal zu belegen.
Bei den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles, USA, erspringt sich Dieter Dörr den erstaunlichen sechsten Platz vom Turm und den zehnten Rang vom 3m-Brett. Mit einem großen Bahnhof und viel Begeisterung wird er in seiner Heimat empfangen. In der Zehntscheune gewährt er in einem Diavortrag interessante Einblicke in seinen sportlich so erfolgreichen Amerikaaufenthalt und seine zweite Olympiateilnahme.
Ferdinand Schmitt und Dieter Dörr scheinen die springerischen Leistungen immer weiter perfektionieren zu wollen. Im Jahr 1985 gelingt es Dieter Dörr in Simbabwe, Afrika, eine Wertung von sechs Mal zehn und einmal neun Punkten zu bekommen, wobei der schlechteste Sprung bei der Endabrechnung gestrichen wird. Auch für seinen zweieinhalbfachen Salto rückwärts gehechtet vom Turm auf den Deutschen Meisterschaften erhält er diese optimale Punktzahl.
:: Ein jähes Ende für Silke Kretschmar
Während des ganzen olympischen Trubels belegt Silke Kretschmar nicht nur gute Plazierungen auf den Hessischen Meisterschaften, sondern auch auf den Süddeutschen - und sogar Deutschen Jugendmeisterschaften ist sie ganz vorne mit dabei. Mit dem dritten Platz vom 3m-Brett auf den Deutschen Jugendmeisterschaften sorgt sie dafür, daß auch ihr Name ins Land getragen wird.
Auf den Deutschen Titelkämpfen 1986 in München springt Silke Kretschmar sich ins Finale der offenen Wertung. Dieter Dörr erringt seinen 39. Titel bei diesen Meisterschaften und gewinnt bei den Europa-meisterschaften in Sofia, Bulgarien die Bronzemedaille vom 3m-Brett und belegt Rang vier im Turmspringen. Diese Erfolge motivieren ihn, seine Karriere als Kunstspringer doch noch nicht, wie zuvor angekündigt, an den Nagel zu hängen. Aber wegen einer nicht ausheilenden Verletzung am Bizeps kann er nicht mehr genügend trainieren, um sein hohes Niveau zu halten und muß letztlich seine sportlichen Ziele doch wesentlich niedriger stecken. Als Krönung ihrer Laufbahn gehen Dieter Dörr und Ferdinand Schmitt anläßlich des 100jährigen Jubiläums in die Annalen der „500 Großen des DSV” ein.
Auch Silke Kretschmar wird vom gesundheitlichen Pech verfolgt. Die mittlerweile in die Jugendnationalmannschaft aufgenommene SVG-Springerin bekommt vom Arzt aufgrund von akuten Rückenproblemen das Aus ihrer springerischen Erfolgslaufbahn verordnet.
:: Junge Talente sind in Sicht
Alle Augen ruhen somit auf dem Nachwuchs. Immer auf der Suche nach weiteren Begabten stößt Dieter Dörr bei der Talentsichtung auf Marco Mazzone, von dem in der Zukunft noch einiges zu hören sein wird. Schon im Jahr 1992 wird er in die Auswahlmannschaft des Bezirkes Mitte aufgenommen und springt mit dieser seinen ersten Wettkampf im Ausland, in Arbon, Schweiz.
Trainer Dieter Dörr bleibt weiterhin Hessens führender Springer, startet aber mittlerweile in der Seniorenklasse, in der es ihm 1993 gelingt, bei den Senioren-Europa-meisterschaften in Sindelfingen den Vizetitel zu erringen.
1994 gelingt es Marco Mazzone bei den Süddeutschen Jugendmeisterschaften, den dritten Platz vom 3m-Brett zu belegen. Bei den Springern des Schwimmvereins Gelnhausen wächst eine motivierte „Springerfamilie” zusammen. Beim Synchronspringen erspringen sich Marco Mazzone und Dieter Dörr den zweiten Platz, und bei der Hessischen Mannschaftsmeisterschaft 1995 gelingt es dem Gelnhäuser Quartett in der Besetzung Miriam Kraut, Thorsten Göss-mann, Marco Mazzone und Dieter Dörr, den zweiten Platz zu erlangen.
Erst im Jahr 1996 löst Dieter Dörr seinen immer noch für ihn aktiven Trainer Ferdinand Schmitt als Springwart des SVG ab. Neben dieser Tätigkeit bleibt er weiterhin unangefochtener Hessischer und Deutscher Seniorenmeister und Trainer des Nachwuchses, immer Ausschau haltend nach neuen Talenten. Trotz aller Schwierigkeiten, Kinder zum Springen zu motivieren und sie zu kontinuierlichem und intensivem Training anzuhalten, finden sich doch ab und zu wieder einzelne, die bereit sind, die Anstrengungen auf sich zu nehmen. So gelingt es 1998 Christoph Nick, Josef Stadler, Marco Mazzone und Dieter Dörr bei den Hessischen Mannschaftsmeisterschaften erneut, sich den Hessischen Vizemeister zu erspringen.
Mit Marco Mazzone, Christoph Nick, Josef Stadler, Pascal Müller, Liv und Bo Heeger, die alle schon bei den Hessischen Jugendmeisterschaften auf dem Treppchen standen, gibt es wieder eine solide Basis, die auf große zukünftige Erfolge hoffen läßt.
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